Akzeleration


Akzeleration

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Ak|ze|le|ra|ti|on 〈f. 20Beschleunigung [→ akzelerieren]

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Ak|ze|le|ra|ti|on, die; -, -en [lat. acceleratio = Beschleunigung]:
1.
a) (bildungsspr.) Beschleunigung des Wachstums u. Vorverlagerung der sexuellen Reife bei Jugendlichen;
b) (Biol.) Beschleunigung in der Aufeinanderfolge der Entwicklungsvorgänge bei Tieren.
2. (Fachspr.) allmähliche Beschleunigung eines Vorgangs.
3. (Astron.) Zunahme der Umlaufgeschwindigkeit des Mondes.

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Akzeleration
 
[zu lateinisch accelerare »beschleunigen«] die, -/-en,  
 1) Astronomie: eine nichtperiodische Änderung der Mondbewegung (säkulare Akzeleration), die bewirkt, dass sich der Mond in 100 Jahren um 8'' in seiner Bahn weiter fortbewegt, als nach der Theorie zu erwarten wäre. Die Ursache liegt in der Abnahme der Erdbahn-Exzentrizität und der Verzögerung der Erdrotation infolge der Gezeitenreibung.
 
 2) Medizin, Psychologie: im weiteren Sinn die zeitweilig beschleunigte Entwicklung eines bestimmten Systems des wachsenden Organismus im Vergleich zu übrigen Körpersystemen, vor der Geburt z. B. bei der Ausbildung von Organen, Skelett und Hirn, nach der Geburt z. B. von Körpergröße, Körper- oder Feinmotorik und Sprachentwicklung; Gegensatz: Retardation.
 
Im engeren Sinn versteht man unter Akzeleration die Beschleunigung und Zunahme des Längenwachstums und die Vorverlegung der körperlichen Reifung in der kindlichen und jugendlichen Entwicklung. Als allgemeiner, von Generation zu Generation fortschreitender Prozess (säkulare Akzeleration) ist dieses Phänomen seit dem 18. Jahrhundert in zunächst geringem Maß, verstärkt seit dem Ersten Weltkrieg in Erscheinung getreten (v. a. bei sozial höheren Schichten und der großstädtischen Bevölkerung). Es erwies sich als ein über den europäischen Bereich hinaus verbreitetes, an eine gewisse sozioökonomische Entwicklung gebundenes Merkmal. Die Bezeichnung der Akzeleration wurde hierfür von dem Schularzt E. W. Koch geprägt (»Über die Veränderung menschlichem Wachstums im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts«, 1935).
 
Kennzeichnend sind: Gewichts- und Längenzunahme bei Neugeborenen, vorgezogenes kindliches und jugendliches Längenwachstum (die 14-Jährigen sind im Durchschnitt 10-15 cm größer als in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts), früherer Durchbruch des Milch- und Dauergebisses, Vorverlegung des sexuellen Reifungsprozesses (bei Mädchen z. B. durchschnittlich um 5 Jahre früherer Menstruationsbeginn als Mitte des 19. Jahrhunderts), vorverlegter Abschluss des Körperwachstums und der Reifungsprozesse. Die Akzeleration des Erwachsenen gegenüber früheren Generationen verläuft wesentlich langsamer (etwa 0,4 cm je Dekade). Von diesen Vorverlagerungen ist auch das Sterblichkeitsminimum (Zeitpunkt geringster Sterbewahrscheinlichkeit) betroffen, das heute etwa beim 10. Lebensjahr liegt (Ende des 19. Jahrhunderts bei 13 Jahren). Zusammenhänge zwischen diesen Vorgängen und einem gleichzeitig verfrühten Auftreten bestimmter Krankheiten (z. B. Herz-Kreislauf-Störungen, Rheumatismus) werden vermutet. Eine Korrelation von physischer und psychischer Akzeleration konnte nicht nachgewiesen werden. Die psychische Akzeleration scheint v. a. von sozialen Faktoren wie Erziehung, Bezugspersonen u. a. abhängig zu sein.
 
Im Rahmen der individuellen Entwicklung (individuelle Akzeleration) kann es durch eine Akzeleration oder Retardation gegenüber Gleichaltrigen zu besonderen Belastungen physischer, psychischer und sozialer Art kommen, indem solchen Jugendlichen oft eine größere Reife abverlangt wird oder das Bewusstsein einer (z. B. körperlichen) Unterlegenheit zu Verhaltensstörungen führen kann. Auch aus einer dysharmonischen (asynchronen) Akzeleration, etwa durch Voreilung der körperlichen vor der geistig-seelischen Entwicklung, können Belastungen (z. B. sexuelle Probleme) erwachsen.
 
Die Ursachen der Akzeleration vermutet man in Veränderungen der Umweltbedingungen, v. a. der Ernährungssituation, auch in verbesserter medizinischer Betreuung, Minderung der frühen körperlichen Belastung und in zivilisationsbedingten Einwirkungen. Nach neueren Untersuchungen scheint sich die Akzeleration, bezogen auf einen Jahrhundertzeitraum, in den hoch industrialisierten Ländern deutlich zu verlangsamen. Ursachen hierfür könnten in Begrenzungen durch das genetische Potenzial des Menschen gesehen werden.
 
 
W. Lenz u. H. Kellner: Die körperl. A. (1965);
 
Auswahl-Bibliogr. zur A.-Forschung, hg. v. C. Bormann (1975);
 O. Ewert: Entwicklungspsychologie des Jugendalters (1983).
 

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Ak|ze|le|ra|ti|on, die; -, -en [lat. acceleratio = Beschleunigung]: 1. a) (bildungsspr.) Beschleunigung des Wachstums u. Vorverlagerung der sexuellen Reife bei Jugendlichen: Die Ursachen der A. sind nicht eindeutig geklärt (Spiegel 29, 1985, 115); b) (Biol.) Beschleunigung in der Aufeinanderfolge der Entwicklungsvorgänge bei Tieren. 2. (Fachspr.) allmähliche Beschleunigung eines Vorgangs. 3. (Astron.) a) Zunahme der Umlaufgeschwindigkeit des Mondes; b) Zeitunterschied zwischen einem mittleren ↑Sonnentag (2) u. einem mittleren Sterntag.

Universal-Lexikon. 2012.

Synonyme:

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